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Die ersten römischen Bewohner Riegels?
Überraschende Grabfunde im Straßengraben


Seit 2018 wird die Erschließung des knapp 5 Hektar großen Neubaugebiets „Breite III“ durch das Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart archäologisch begleitet. Im Jahr 2024 konnten die archäologischen Untersuchungen im überplanten Areal erfolgreich abgeschlossen werden. Lediglich einige kleinere Flächen, in denen Bestandsbäume erhalten werden sollten, blieben von den vorgreifenden Untersuchungen ausgespart. Als einer der beiden Bäume aufgrund von Parasitenbefall gefällt werden musste, sollte die bisher unberührt gebliebene, etwa 300 m² große Schutzzone um den Baum ebenfalls in das geplante Neubaugebiet einbezogen werden.          Durch die Ausgrabungen der vergangenen Jahre war bereits bekannt, dass innerhalb dieser Fläche ein Teilabschnitt der römischen Straßenverbindung verlaufen musste, die einst die antike Siedlung von Riegel mit dem Rhein und den linksrheinischen Siedlungen im heutigen Elsass verband. Die römische Straße konnte im Zuge der archäologischen Untersuchungen auch tatsächlich nachgewiesen werden. Aufgefunden wurde der Straßenkörper, sowie mehrere begleitende Straßengräben. Letztere belegen, dass die Straße mindestens zwei Ausbauphasen aufweist. „In der ersten Phase war die Straße ca. 4 m breit und in der Art einer sogenannten via terrena ausgeführt. So nannte man in römischer Zeit unbefestigte Erdstraßen, die keinerlei Straßenbelag – sei es in Form von Schotter oder Steinplatten –  aufwiesen“ erklärt Uwe Xaver Müller vom Landesamt für Denkmalpflege, der für die Ausgrabungen in Riegel als Fachreferent für Provinzialrömische Archäologie verantwortlich ist.

Zu einem späteren Zeitpunkt wurde die Straße auf eine Breite von etwa 12 m erweitert. Auch diese Straße scheint anfangs als reine Erdstraße ausgeführt gewesen zu sein. Erst als sich infolge der intensiven Nutzung durch die hier vorbeifahrenden Reisewagen und Ochsenkarren im Laufe der Zeit tiefe Spurrillen und Schlaglöcher in der Fahrbahn gebildet hatten, entschied man sich, diese mit Kies aufzufüllen und auch die Fahrbahn selbst mit einer dünnen Kiesschicht als Straßendecke zu versehen. „Gebaut wurden diese Straßen in der Regel initial durch den römischen Staat, der diese als Marschrouten für das römische Heer benötigte. Instandhalten mussten sie später aber die Gemeinden auf eigene Kosten. Daher verwundert es nicht, dass der Straßenbelag erst erneuert wurde, als dies aufgrund des prekären Zustandes der Straße unumgänglich geworden war.“ erläutert Müller den archäologischen Befund.   

Der Zeitpunkt, wann diese Verbreiterung der Straße erfolgte, konnte durch die diesjährigen Ausgrabungen erstmals näher bestimmt werden. Münzen und Keramikfunde belegen einen Ausbau der Straße innerhalb der zweiten Hälfte des 1. Jh. n. Chr., vermutlich zwischen 62 und 96 n. Chr. In ihrer verbreiterten Form wurde die Straße nach Ausweis der Keramikfunde vermutlich noch bis mindestens in die zweite Hälfte des 2. Jh. n.Chr. hinein genutzt.

Da sich die römische Straße mitsamt ihren beiden Straßengräben über den Großteil der Grabungsfläche erstreckte, rechneten die Archäologen kaum damit, wieder auf römische Grabfunde wie in den vergangenen Jahren zu stoßen. Doch wider Erwarten konnten mindestens zwanzig Bestattungen dokumentiert und geborgen werden. Eine ungewöhnlich hohe Zahl für die vergleichsweise kleine Untersuchungsfläche „Mit einer derart hohen Anzahl an Bestattungen hat in der Tat niemand gerechnet“ äußerst sich Müller über den unverhofften Erfolg.

Die Bestattungen verteilten sich ausschließlich entlang eines südlich an den Straßenkörper angrenzenden schmalen Geländestreifens. Das Ungewöhnliche hieran war, dass in diesem Bereich auch der südliche Straßengraben verlief. Die Bestattungen waren somit mitten in den Straßengraben eingebracht worden, ein für die römische Zeit sehr untypischer Befund. Dieses unkonventionelle Vorgehen der römischen Bevölkerung von Riegel ist vermutlich mit einem wesentlichen Aspekt ihres Gedenkens an die Verstorbenen in Verbindung zu bringen:

Damit die Verstorbenen nicht in Vergessenheit gerieten, legten die Römer ihre Gräber bewusst entlang der wichtigen Ausfallstraßen ihrer Siedlungen an. Denn hier war ein entsprechender Durchgangsverkehr an Reisenden zu erwarten, die, wie man von anderen römischen Gräberfeldern weiß, durch die an den Gräbern aufgestellten Grabinschriften gezielt zum Gedenken der Toten eingeladen wurden. So kennt man Grabinschriften die Aufforderungen, wie „Verweile, Reisender und lies“ (consiste viator et lege) oder „Wer auch immer Du sein magst, der dies im Vorbeigehen liest, Reisender, halte inne“ (praeteriens quicumque legis consiste viator), enthalten. Entsprechend waren die Plätze in der vordersten Reihe direkt an der Straße die begehrtesten in römischen Gräberfeldern. Hier war gewährleistet, dass möglichst viele Reisende der Verstorbenen gedenken konnten. Ähnliches wird man sich auch für Riegel vorstellen dürfen, wenngleich sich bislang keine Grabinschriften aus dem Gräberfeld erhalten haben. Diese sind vermutlich entweder dem Steinraub in spät- und nachrömischer Zeit zum Opfer gefallen oder sie waren auf vergänglichem Material wie Holz angebracht und haben die Jahrhunderte nicht überdauert. Mit ihrer Lage mitten im Straßengraben konnten die Riegler Gräber kaum näher an die Fahrbahn heranrücken; sie befanden sich somit in der begehrten vordersten Reihe.

Ein weiterer Grund, warum die Gräber im Straßengraben angelegt wurden, könnte auch akuter Platzmangel innerhalb des Gräberfeldes gewesen sein. So lagen die einzelnen Bestattungen zum Teil auffällig dicht beieinander.

Eine zusätzliche Überraschung bot die Zeitstellung der einzelnen Grablegen. Unter ihnen fanden sich Bestattungen, die nach Ausweis der Beigaben spätestens während der Herrschaftszeit des Kaisers Domitian (81-96 n.Chr.) angelegt wurden und somit zu den ältesten bisher bekannten römerzeitlichen Bestattungen aus Riegel gehören. „Wir können zum aktuellen Zeitpunkt zwar noch nicht genau sagen, wer die hier Bestatteten im Einzelnen waren oder woher sie kamen, aber aufgrund der frühen Zeitstellung der Gräber wäre es gut möglich, dass sich unter ihnen einige der ersten römischen Bewohner Riegels befinden.“ kommentiert Müller die neuen Erkenntnisse durch die Ausgrabung.

Die unerwarteten, zahlreichen Ergebnisse dieser verhältnismäßig kleinen Grabungsfläche erweisen sich als regelrechter Glücksfall für die Archäologie. Die neuen Erkenntnisse bereichern das bisherige Bild vom römischen Riegel um weitere einzigartige Facetten.

Dass diese bedeutenden archäologischen Zeugnisse erfolgreich gesichert werden konnten, ist nicht zuletzt der vorbildlichen Zusammenarbeit vor Ort zu verdanken. Ein besonderer Dank gilt Herrn Bürgermeister Daniel Kietz und Frau Celine Weidler von der Gemeinde Riegel für die logistische Unterstützung der Ausgrabung sowie der Firma Vogel-Bau GmbH für die flexible und reibungslose Zusammenarbeit. Ebenfalls gedankt sei den Anwohnern für ihr außerordentlich großes Interesse und die allseits freundlichen Begegnungen.

Großes, rundliches Keramikgefäß in einer sandigen archäologischen Grabungsstelle, teilweise von Erde umgeben.Häufig handelt es sich bei den nachgewiesenen Bestattungen um Urnengräber. Hier waren die verbrannten Knochenfragmente des Verstorbenen in einem Gefäß, meist aus Keramik, beigesetzt. Ein Beispiel einer solchen noch weitgehend vollständig erhaltenen Urne zeigt die Abbildung.

Freigelegte Erdschicht mit einem dunklen, rundlichen Keramikgefäß und weiteren kleinen Steinen und Fundstücken.Neben den Urnen enthielten die Gräber auch Beigaben. Ein Beispiel hierfür ist der abgebildete, noch weitgehend vollständig erhaltene Krug, der dem Verstorbenen wohl mitsamt Inhalt ins Jenseits mitgegeben wurde.

Drei dunkle Keramikgefäße liegen in einer freigelegten Erdschicht einer archäologischen Grabungsstelle.Oft lagen die Gräber dicht beieinander. Dies zeigt sich auch im vorliegenden Fall: Eine Bestattung mit einer einzelnen Urne lag direkt neben einem zweiten Grab, das neben der aufrecht stehenden Urne noch ein weiteres, verkipptes Gefäß enthielt.

Braunes Keramikgefäß in einer freigelegten Erdwand einer archäologischen Grabungsstelle vor blauem Himmel.Neben Töpfen fanden auch Schüsseln aus Keramik Verwendung als Urne. Oft handelt es sich dabei um Gefäßformen, die im alltäglichen Leben der römerzeitlichen Bevölkerung von Riegel als Koch-, Speise oder Vorratsgeschirr dienten. Ob es sich hierbei um wiederverwendete Gefäße aus dem einstigen Besitz des Verstorbenen handelt oder diese Gefäße eigens für ihren Gebrauch als Urne hergestellt wurden, ist unbekannt.